medico international

medico Rundschreiben 04/2004

Zurück an den Absender

Das Rundschreiben-Editorial. Von Katja Maurer.

Liebe Leserinnen und Leser,

Aida Touma Suliman schätzte sich glücklich, dass man sie für eine Italienerin gehalten hatte, als sie sich kurz nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh Mitte November in Amsterdam aufhielt. Zurück in Deutschland und unterwegs auf einer medico-Veranstaltungsreihe berichtete die palästinensische Frauenrechtlerin aus Israel uns, dass sie in den Niederlanden selbst bei manchen ihrer Gesprächspartner eine Stimmung angetroffen habe, die grundsätzlich jeden und jede mit islamischem Hintergrund mindestens für frauenfeindlich, wenn nicht ganz und gar für intolerant und potentiell gefährlich halte.

Aida Touma Suliman ist mit den »Women against Violence« – seit drei Jahren mit medico partnerschaftlich verbunden – die Gründerin des ersten Frauenhauses in der arabischen Welt. Nun muss sie beobachten, wie der »Aufeinanderprall der Kulturen« nach dem islamistischen Mordanschlag in den Niederlanden mancherorts fast wollüstig herbeigeredet wird. Entsetzt stellte sie fest, dass man vorgeblich der Toleranz und Frauenbefreiung das Wort rede und doch vor allen Dingen die eigene kulturelle und politische Dominanz meine. Dabei schert man sich kaum noch darum, rassistische Untertöne zu vermeiden. Aida Touma Suliman leidet nicht unter Paranoia. Sie kennt aus tagtäglicher Erfahrung, wie der Spielraum für Aufklärung und Frauenrechte dort immer kleiner wird, wo Polarisierung, Separation und Feindbilder das Denken beherrschen. Wenn sich paternalistische Überlegenheitsgefühle mit tatsächlichen oder eingebildeten Bedrohungsgefühlen verbinden, welch gefährliche Melange entsteht daraus? Und was wird aus den Menschen- und Frauenrechten, wenn sie immer häufiger dazu benutzt werden, die Dominanz des Nordens zu sichern und damit die Spaltungen in der Welt zu zementieren?

Der französische Philosoph Jaques Rancière schreibt: »Jene Rechte werden zusammen mit Medikamenten und Kleidung in ferne Länder geschickt, zu Menschen, die keine Medikamente, Kleidung und Rechte haben.« Und weiter: »Wenn jene, die unmenschliche Repression erleiden, nicht in der Lage sind, den Menschenrechten, die ihre letzte Zuflucht sind, Geltung zu verschaffen, dann muss jemand anderes die Erbschaft ihrer Rechte antreten, um ihnen an ihrer Statt Geltung zu verschaffen. Das ist es, was als ›Recht auf humanitäre Intervention‹ bezeichnet wird – ein Recht, das einige Nationen sich zum angeblichen Wohl besiegter Bevölkerungen und sehr oft gegen den Rat der humanitären Organisationen selbst anmaßen.« Die »Rechte«, meint Rancière, »die den Rechtlosen geschickt wurden, ohne dass diese von ihnen hätten Gebrauch machen können, gehen an den Absender zurück.«

Damit nähern sich diese Orte immer mehr dem Bild von Rückständigkeit an, das man sich von ihnen ohnehin macht. Ob unser Heft ein anderes Bild als dieses vermittelt? Das zumindest ist jedes Mal der Versuch. Die Texte bewegen sich entlang der Spaltungen dieser Welt. Auf der Seite der Rechtlosen. Sie handeln von Instandsetzungsbemühungen – ganz im Sinne eines anti-interventionistischen Progammes – zur Erringung und zum Gebrauch von Rechten. Wie immer bitten wir Sie dafür um Ihre Unterstützung. Jetzt erst recht.

Herzlichst Ihre
Katja Maurer

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