Psychosoziale Arbeit ist seit Jahrzehnten ein Kernthema der medico-Arbeit. Es begann mit der Unterstützung der Opfer von politischer Gewalt und beschäftigt sich heute mit den psychosozialen Folgen von Ausgrenzung und sozialer Gewalt. In Irak- Kurdistan und in der nachfolgend vorgestellten Arbeit von Khanzad lassen sich die unterschiedlichen Facetten dieser Arbeit geradezu exemplarisch verfolgen. Sie reicht von einzeltherapeutischer Unterstützung bei Überlebenden von politischer oder sozialer Gewalt bis hin zu politischen Interventionen und Lobby-Arbeit gegenüber der Regierung mit dem Ziel, in den Institutionen Rollen- und Traditionsmuster aufzubrechen und menschenrechtliche Standards zu etablieren.
Kurdistan-Irak gilt heute als Zone der Sicherheit und Demokratie in einem von Gewalt zerrissenen Irak. Seit 2005 ist die Region qua Verfassung ein Bundesland mit weitgehender Autonomie in einem föderalen Irak. Die Sicherheitslage und die Verwaltungs- und Polizeistrukturen sind stabil, für ihre Infrastruktur-, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen erhält die kurdische Regionalregierung ausreichend Geld aus dem irakischen Staatshaushalt. Internationale Firmen fördern Öl und ein ungehemmter Bauboom vor allem in den Großstädten zeugt vom wirtschaftlichen Aufschwung. Die Zeiten, in denen medico international hier Nothilfe- und Wiederaufbauprojekte förderte, sind Vergangenheit.
Auch innenpolitisch herrscht Aufbruchsstimmung. Hatten sich die Demokratische Partei Kurdistan (DPK) und die Patriotische Union Kurdistan (PUK) seit 1992 unumstritten die politische Macht geteilt, holte die von ehemaligen PUK-Funktionären neu gegründete Oppositionsbewegung Goran (kurdisch: Wandel) bei den letzten Regionalwahlen auf Anhieb 25% der Stimmen. Mit massiver Kritik an Korruption und Klientelwirtschaft und Forderungen nach Transparenz politischer und ökonomischer Entscheidungen bildet sie nun eine starke Opposition im kurdischen Parlament. Auch wenn Skepsis vorherrscht, ob die Goran-Führung, die selbst aus dem alten Machtapparat kommt, wirklich Neues entwickelt, hat das Auftreten dieser dritten Kraft lange stagnierende Debatten um Reformen und Demokratisierung der kurdischen Gesellschaft wiederbelebt. Das eröffne auch der Zivilgesellschaft neue Spielräume zur Durchsetzung von Reformen und Frauenrechten, sagen die Mitarbeiterinnen des Frauenzentrums KHANZAD in Sulaimania, einem der Projektpartner von medico.
Das Frauenzentrum KHANZAD arbeitet vor allem mit Frauen in Krisen- und Gewaltsituationen und wird seit der Gründung 1996 von dem deutschen Verein HAUKARI e.V. gefördert, mit dem medico international eine lange Kooperation verbindet. Ende der 1990er Jahre war KHANZAD maßgeblich an der öffentlichen Thematisierung der bis dahin tabuisierten familiären Gewalt gegen Frauen und der Gründung erster Zufluchtshäuser beteiligt. Seither konnten unter anderem die Abschaffung der Strafmilderung bei „Mord aus Gründen der Ehre“ und die Besserstellung von Frauen im Scheidungs-, Sorge- und Erbrecht durchgesetzt werden. Heute arbeiten Polizei und Regierung bei der Verfolgung von Ehrenmord und Gewalt gegen Frauen mit Frauenprojekten zusammen. Nach wie vor aber sind die familiären und sozialen Strukturen traditionell geprägt und Frauen den Männern ihrer Familie untergeordnet. Für all jene, die aus familiären Gewaltverhältnissen ausbrechen wollen, gibt es keine sozial akzeptierten Alternativen. Gerade in ländlichen Regionen sind Zwangsverheiratung, die Bestrafung und Ermordung von Frauen durch Familien bei Entdeckung von außeroder vorehelichen Beziehungen, aber auch Genitalverstümmelung an Mädchen verbreitet. Noch immer fliehen zahlreiche Frauen in den Selbstmord.
KHANZAD kümmert sich seit 1999 auch um Frauen, die unter dem Vorwurf des Ehebruchs oder der Prostitution in den Straf- und Untersuchungsgefängnissen von Sulaimania einsitzen. Von ihren Familien verstoßen oder bedroht, landen die Betroffenen nach ihrer Entlassung schnell wieder in der Prostitution, sind dann erneut von Verhaftung bedroht. Die Kolleginnen betreuen die Frauen deshalb auch nach ihrer Freilassung, versuchen mit ihnen und ihren Familien Perspektiven zu erarbeiten. Mit der Hilfe medicos konnten sie ihre Arbeit 2006 auf das Jugenduntersuchungsgefängnis von Sulaimania ausdehnen und betreuen dort mittlerweile während und nach der Haftzeit ca. 500 Kinder und Jugendliche. Zunächst kümmerten sie sich vor allem um Mädchen, deckten sexuelle Übergriffe durch Wachpersonal und Mitgefangene auf und erreichten die Verlegung der Mädchen in ein anderes Gebäude. Inzwischen arbeiten sie auch mit inhaftierten Jungen zwischen 6 und 18 Jahren, von denen die meisten wegen Diebstahl, Körperverletzung, „Bettelei“, manche auch wegen Mord verhaftet wurden. Oft wurden die Jungen zuvor von ihren Familien verstoßen oder mussten vor Gewalt und Missbrauch fliehen. Staatliche Kinder- und Jugendheime nehmen sie nicht auf, weil sie bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. KHANZAD organisiert Freizeit- und Bildungsangebote im Gefängnis, sorgt für rechtlichen und psychologischen Beistand, besucht ihre Angehörigen und kümmert sich nach der Entlassung um Unterbringungsmöglichkeiten.
„Für die einzelnen Jugendlichen sind wir oft der rettende Anker“ sagt eine KHANZAD-Mitarbeiterin, „aber eigentlich übernehmen wir so Aufgaben der Regierung.“ Mit der Betreuungsarbeit haben sie Verbesserungen der Haftbedingungen und die Einstellung von weiblichem Wachpersonal und Sozialarbeiterinnen erreicht. Heute engagiert sich KHANZAD vor allem für die Einrichtung von Wohn- und Betreuungsmöglichkeiten für Frauen und Jugendliche, die aus ihren Familien verstoßen werden oder ausbrechen. „Mangels Alternativen geht es dabei meist um eine Lösung in und mit der Familie. Uns bedrückt, dass wir durch unsere Präsenz zwar oft Ehrenmorde verhindern, die Frauen und Jugendlichen in der Familie aber auf andere Weise leiden müssen.“ 2006 veröffentlichte KHANZAD das Buch „Ocean of Crimes“, eine auf der Arbeit im Gefängnis basierende Studie zu Hintergründen, Strukturen und Nutznießern der Prostitution in Kurdistan. Bei der Regionalregierung wurde ein Vorschlag zur Einrichtung eines Zentrums eingereicht, in dem der Prostitution und des Ehebruchs angeklagte Frauen soziale Beratung und eine Berufsausbildung erhalten und bei der gesellschaftlichen Reintegration unterstützt werden sollen. So könnten staatliche Angebote und zivilgesellschaftliche Frauengruppen zusammenwirken. Das Buch erhielt 2006 den Frauenrechtspreis der Kurdischen Regionalregierung. Die konkrete Umsetzung des sozialen Zentrums steht noch aus.
Die Arbeit unserer kurdischen Partner und des Vereins Haukari haben wir im Jahr 2009 mit insgesamt 41.271,24 € fördern können. Dies wollen wir auch zukünftig fortsetzen. Spenden Sie unter dem Stichwort: Kurdistan.
