Breaking the Silence Israel

Mutig jenseits des Konsenses

01.12.2016   Lesezeit: 10 min

medico gratuliert Breaking the Silence zum alternativen Preis für jüdisch-arabische Verständigung.

Seit einem Vierteljahrhundert vergibt das Institut für Nahost-Studien der Ben-Gurion Universität in Beersheva jährlich den Berelson Preis für jüdisch-arabische Verständigung. Dieses Jahr hätte der medico-Partner Breaking the Silence damit geehrt werden sollen. Doch Universitätspräsidentin Prof. Rivka Carmi legte ihr Veto ein. In der Begründung hieß es, die Organisation stehe außerhalb des nationalen Konsenses. Die Preisverleihung würde als politische Parteinahme interpretiert werden.

Dabei waren frühere Preisträger*innen und ihre Positionen auch nicht unpolitisch. Sie entsprachen häufig nicht dem Mainstream. So wurde beispielsweise auch schon der medico-Partner Physicians for Human Rights – Israel mit dem Preis geehrt, also eine Menschenrechtsorganisation, die aus ihrer Gegnerschaft zur Besatzung nie einen Hehl gemacht hat und im Zusammenhang mit der Zwangsernährung Gefangener, Folter oder dem Umgang mit Asylsuchenden die israelische Regierung öffentlich kritisiert.

Im Jahr 2013 hatte sich Prof. Carmi noch selbst gegen Angriffe der rechtsgerichteten Organisation Im Tirtzu verteidigen müssen und in einem Zeitungskommentar öffentlich für die Meinungsfreiheit in einer pluralistischen Demokratie Stellung bezogen.

Aber dies ist nicht 2013. In wenig mehr als dreieinhalb Jahren, die seither vergangen sind, ist ein größer werdender Teil der israelischen Gesellschaft von der früher gerade noch geübten bloßen Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen dazu übergegangen, Dissident*innen, wie Besatzungsgegner, mit Angriffen zu übersäen.

Zwischen 2013 und 2016 liegen die Operation Fels in der Brandung (Gaza 2014), der erneute Wahlsieg der Rechten (März 2015) und die Bildung einer Regierungskoalition, die mittlerweile so gut wie alle parteipolitisch organisierten Kräfte der extremen Rechten in Israel umfasst. Dies ist 2016, in dem Moshe Ya’alon als Verteidigungsminister des regierenden Likud unter anderem deshalb gestürzt wurde, weil er den Soldaten Elor Azariya zur Rechenschaft ziehen wollte, der in Hebron vor laufender Kamera einen Palästinenser erschossen hatte. Das Jahr, in dem Breaking the Silence nach einem manipulierten TV-Beitrag von führenden Politiker*innen als Organisation von Verrätern gebrandmarkt und auf Anordnung Netanjahus geheimdienstlich untersucht wurde. Das Jahr, in dem Breaking the Silence durch den israelischen Generalanwalt mit einem Schauprozess überzogen wird und in dem das Parlament ein Gesetz erlässt, um Besatzungsgegner*innen als vom Ausland finanzierte anti-israelische Marionetten zu delegitimieren.

Es sind nicht die Menschen von Breaking the Silence, die mit ihrem Engagement und ihrer Zivilcourage andere Werte vertreten als frühere Preisträger*innen, sondern es ist das gesellschaftliche und politische Umfeld, das deutlich radikaler geworden ist und deswegen heftige Reaktionen auf eine Verleihung an Breaking the Silence befürchten ließ. Gegen diesen gefährlichen Trend hätte der Berelson-Preis ein wichtiges Signal setzen können.

Lehrbeauftragte und Forscherinnen haben jedenfalls gegen die Entscheidung der Universitätspräsidentin opponiert und die Verleihung eines alternativen Preises organisiert. Der New Israel Fund, der seine Unterstützer*innen um Hilfe bat, um den nicht geplanten Preis stiften zu können, konnte am Ende übrigens fast die vierfache Summe dessen mobilisieren, womit die Universität die Arbeit von Breaking the Silence hätte unterstützen können.

Dazu gratuliert medico Breaking the Silence und sendet mit den besten Wünschen für die weitere Arbeit solidarische Grüße.

Die Laudatio durch Amos Oz und die Rede der Direktorin von Breaking the Silence, Yuli Novak, anlässlich der Preisverleihung, finden Sie, beides auf Hebräisch mit englischen Untertiteln, hier.

Dokumentation

Rede der Direktorin von Breaking the Silence, Yuli Novak, zur Preisverleihung:

„Die Soldat*innen, die ihr Schweigen gebrochen haben, taten dies nicht in einem Vakuum. Das Schweigen zu brechen ist kein Akt zur Reinwaschung des Gewissens oder zur Erleichterung der Traumata derer, die geschickt wurden, um ein Militärregime über Zivilisten durchzusetzen (obwohl das eine Nebenwirkung sein kann).

Der Akt, sein Schweigen zu brechen, ist nicht angenehm. Es ist aufreibend, sein Schweigen zu brechen, erschreckend; es raubt dir den Schlaf. Der Punkt, sein Schweigen zu brechen, bedeutet, die politische Situation radikal zu verändern – nicht kosmetisch, sondern fundamental, bis in die Wurzeln.

Sein Schweigen zu brechen bedeutet eine persönliche und moralische Haltung gegen eine inakzeptable Situation einzunehmen, von Anfang bis Ende, in ihrer Totalität. Sein Schweigen zu brechen bedeutet auch, Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen und bereit zu sein, einen persönlichen Preis dafür zu bezahlen.

Wir brechen unser Schweigen in Protest gegen die Besatzung. Unser Akt, das Schweigen zu brechen, ist der Aufschrei, dass die jahrzehntelange militärische Kontrolle über Millionen von Menschen, Palästinenserinnen und Palästinensern, im Kern unannehmbar ist. Dass die Besatzung nichts ist, das normalisiert oder „repariert“ werden könnte oder sollte, sondern nur beendet. Denn obwohl sie seit Jahrzehnten existiert hat, hat sie kein Recht zu existieren. Und sein Schweigen zu brechen, heißt das herauszufordern, was ein Teil von uns geworden, Teil unserer Identität, für beinahe 50 Jahre.

Die Verwaltung der Ben-Gurion-Universität begründete den Einspruch gegen die Preisverleihung an Breaking the Silence mit der Tatsache, dass wir als Organisation außerhalb des politischen Konsenses stünden.

Seit dem Tag der Gründung ist Breaking the Silence nie Teil des nationalen Konsenses gewesen. Im Gegenteil, der Akt, sein Schweigen zu brechen, ist ein Akt sich gegen den nationalen Konsens auszusprechen.

Seid nicht verwirrt: Die Besatzung ist der Konsens. Die Soldat*innen, die ihr Schweigen gebrochen haben, taten dies, um die Besatzung zu beenden. Sie, wir versuchen, sie herauszufordern, diesen Mechanismus zu unterminieren, ihn außer Kraft zu setzen. Sie brechen ihr Schweigen und bringen ans Licht, was es bedeutet, ein anderes Volk zu besetzen – nicht theoretisch, nicht als Geschichtsforschung, nicht aus der Distanz. Sie waren vor Ort. Und sie zeigen uns die Ungerechtigkeit, die ein Bestandteil der Umsetzung dieser grausamen Politik ist. Und sie sind bereit, den persönlichen Preis für diese Handlung zu zahlen.

Sein Schweigen zu brechen ist das Recht jeder Bürgerin in einer Demokratie, um den Konsens herauszufordern. Sich hinzustellen und ihn zu konfrontieren und laut und klar herauszuschreien, dass das Denken, zu dem wir konditioniert worden sind, ein Haufen Müll ist. Eine Lüge. Eine Illusion. Es ist eine schreckliche Politik, die nur einem winzigen Teil der israelischen Gesellschaft dient: der messianischen Siedlerrechten und ihren Repräsentant*innen in der Knesset.

Professor Carmi, Professor HaCohen und die anderen Mitglieder der Verwaltung haben uns nichts Neues aufgezeigt, als sie das Konsensargument wählten. Sie haben recht. Wir sind außerhalb des Konsenses und stolz darauf.

Die Kombattant*innen, die auf Breaking the Silence zukommen, um Zeugnis darüber abzulegen, was in den Gebieten vorgeht, befreien sich selbst — wissentlich und absichtlich — von der warmen und bequemen Umarmung des Konsenses. Jede*r Einzelne bricht das Schweigen, um sich von diesem Konsens zu abzusetzen. Zeugnis für Zeugnis ist über die letzten 12 Jahre eine Datenbasis von tausenden Zeugnissen und Geschichten entstanden, die die Gefahren des Konsenses zeigen.

Im Lichte der hysterischen und gewaltsamen Reaktion des Konsenses scheint dieser Akt höchst effektiv zu sein.

Breaking the Silence wird am Tag unseres Sieges Teil des Konsenses sein, an dem Tag, an dem die Besatzung endet und ein Prozess der Rehabilitierung und Aussöhnung beginnt.

Bis dahin haben wir kein Interesse daran, Teil des Konsenses zu sein. Nicht weil wir daran interessiert wären, boshaft zu sein, sondern weil wir keine andere Wahl haben.

Die Besatzung, dieses destruktive Regime, hat Israel für 50 Jahre daran gehindert als Demokratie zu funktionieren und wird schnell die eigentliche Definition dessen, wer wir sind.

Das bedeutet, dass mehr und mehr Israelis effektiv zu Dienern dieses Besatzungsregimes werden. Mehr und mehr Menschen – aus allen Lebensbereichen – sind dazu gezwungen, bei der Aufrechterhaltung des Konsenses eine aktive Rolle einzunehmen, hauptsächlich den sich abzeichnenden Rissen zum Trotz. Über das letzte Jahr habe ich diesen fürchterlichen Prozess sich wieder und wieder wiederholen gesehen.

In dem Sinne ist Professor Carmi mit einer Menge unredlicher Leute wie Yair Lapid verbunden, der Breaking the Silence angriff, um sich dem Konsens anzudienen. Neben ihm gibt es Mitglieder seiner Partei, die ihn hinter den Kulissen kritisieren, aber in der Öffentlichkeit stumm bleiben. Und dieselben Politiker, die einst den Kampf gegen die Besatzung anführten, bleiben angesichts der Hetze und Gewalt, die uns entgegengeschleudert werden, stumm. Politiker haben mir mit Tränen in den Augen gesagt, dass “es mich die Vorwahl kosten wird, wenn ich Breaking the Silence unterstütze.”

Die Liste jener “ehrenwerten Leute”, die es vorziehen, ihre persönliche Gegnerschaft zur Besatzung im Stillen zu pflegen, weil der Preis zu hoch wäre, den sie dafür bezahlen müssten, wird immer länger.

Und ja, im Israel des Jahres 2016 ist es eine mutige Tat, einen Vortrag von Soldat*innen zu ermöglichen, die sich öffentlich gegen die Besatzung aussprechen, oder ihnen einen Preis zu verleihen; das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist ein Akt, für den ein Preis bezahlt werden muss. Ich muss mir nicht den Preis erklären lassen, den man dafür bezahlt, sich gegen den Konsens zu stellen. Aber hier liegt die eigentliche Gefahr.

Carmi hat Breaking the Silence den Preis nicht nur entzogen, sondern hat auch – vielleicht ohne es zu wollen, vielleicht ohne zu sehr darüber nach zu denken – geholfen, den Konsens zu stärken, der uns als Verräterinnen und Spione abstempelt. Wären sie keine Verräter, hätte man ihnen den Preis schließlich nicht aberkannt. Das ist die wirkliche Tragödie: Carmi hat uns den Preis nicht entzogen, weil sie die Besatzung unterstützt (obwohl ich nicht wirklich weiß, was sie unterstützt). Ich glaube auch nicht, dass sie Breaking the Silence hasst (sie kennt uns nicht wirklich). Sie hat einfach Angst bekommen.

Carmi knickte ein und ergab sich dem sensationsgierigen und gewalttätigen Populismus der Besatzungsregierung und dem Konsens. Sie akzeptierte die undemokratischen Spielregeln. Sie verinnerlichte, was die Führer des Konsenses von uns allen verlangen: widerstehe nicht. Gib niemandem eine Plattform, der die Regierungspolitik kritisiert. Behindere die politische Führung nicht dabei, weiter zu siedeln und zu besetzen. Und vor allen Dingen, unterminiere nicht ihren wahnsinnigen Erfolg dabei, die Besatzung zum nationalen Konsens zu erheben.

Nun können und müssen wir die Wahrheit sagen: Die Leute, die die Besatzung palästinensischer Gebiete für beinahe 50 Jahre ermöglicht haben und auch, dass sie zum nationalen Konsens wurde, sind nicht die Siedler oder ihre gewählten Vertreter in der Knesset. Auch nicht der Premierminister. Ihre Helfer sind die, die der Besatzung gestattet haben zu florieren. Die, die sie nicht unterstützen, und trotzdem stumm bleiben. Die, die wissen, dass sie die Zukunft Israels gefährdet, aber sich nicht dagegen erheben. Die, die erkennen, dass die Besatzung der israelischen Demokratie widerspricht und sie aushöhlt, aber sich wieder und wieder für den nationalen Konsens entscheiden.

Nach allem, was gesagt worden ist, würde ich dennoch gerne Professor Carmi und der Universitätsverwaltung danken: Der Preis ist dank Ihrer Entscheidung umso wertvoller geworden. Er wird nun so hoch geschätzt, weil er in den letzten Monaten noch viel mehr Menschen die immense moralische Perversion vorgeführt hat, die hier stattfindet. Ihre Entscheidung hat Menschen dazu mobilisiert, sich mutig und öffentlich gegen die Tyrannei des Konsenses zu positionieren.

Und er ist wertvoll, weil er uns heute von einer Gruppe inspirierender Menschen verliehen wird, die aus Überzeugung und Mut gehandelt haben und in einer Art und Weise nicht zurückwichen, die beispielhaft ist und ein Vorbild bürgerschaftlichen Engagements für uns alle. Guy, Hagai, Iris, Anat, Amit, Yoni, Oren und ihr vielen anderen, ich bin stolz darauf, hier bei diesem bewegenden Anlass mit euch zu stehen. Ich bin stolz darauf, im Namen von Breaking the Silence diesen Preis anzunehmen, der außerhalb des Konsenses ist, der gegen den Konsens ist, der zum Ärger des Konsenses ist.

Vielen Dank.“

(Übersetzung: Riad Othman)

Riad Othman

Riad Othman arbeitet seit 2016 als Nahostreferent für medico international von Berlin aus. Davor war er medico-Büroleiter für Israel und Palästina.

Twitter: @othman_riad


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