Am 27. März landete in Hannover ein Charterflug der Bundesregierung, um gefährdete Afghan:innen aufzunehmen. Ob weitere Flüge folgen werden, ist fraglich. In einem niedersächsischen Erstaufnahmezentrum sprach medico international mit den drei Geflüchteten Shahrzad Kawiani, Chakawak Kawiani und Ali Afsheen, die in Wirklichkeit anders heißen. Die drei gehören dem medico-Partner "Bewegung kämpfender Frauen Afghanistans" (AVWSM) an, die im afghanischen Untergrund Menschenrechtsarbeit für Frauen leisten - und dabei selbst zum Ziel von Menschenrechtsverletzungen wurden. Unterstützt wurden sie in all den Jahren von medico international.
Endlich seid ihr und eure Familien in Deutschland angekommen. Khush Amadeed, herzlich willkommen! Was geht euch jetzt durch den Kopf?
Shahrzad: Nachdem die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen hatten, mussten sich Frauen wie ich, die sich für Menschenrechte einsetzen, verstecken. Nach über einem Jahr des Wartens in Pakistan bin ich endlich in Deutschland angekommen. Ich bin darüber sehr glücklich, weil nun endlich die Angst vorbei ist. Ich sehe eine vielversprechende Zukunft für mich und meine Kinder in Deutschland. Gleichzeitig mache ich mir aber Sorgen über die Stimmung und Politik hier, besonders nach den Anschlägen von Afghanen, und dass Menschen mir und meiner Familie gegenüber rassistisch sind und uns wieder loswerden wollen.
Ali: Ich lebte in ständiger Angst vor Abschiebung durch die pakistanische Polizei und vor der Gewalt der Taliban, aber jetzt muss ich nicht mehr daran denken. Ich habe endlich einen Ausweg aus dem Loch der Hoffnungslosigkeit gefunden. Ich bin sehr glücklich und dankbar, mit meiner Familie in Sicherheit in Deutschland zu sein. Es gibt ein persisches Sprichwort, das mein Gefühl beschreibt: Ich bin so glücklich, dass ich nicht mehr in meine Kleider passe.
Chakawak: Ich dachte ständig darüber nach, was passieren würde, wenn unser Fall abgelehnt wird, und dass, wenn die pakistanische Polizei uns nach Afghanistan abschiebt, die Taliban uns bedrohen und töten würden. Aber jetzt, da ich endlich in Deutschland bin, bin ich sehr erleichtert und dankbar.

Shahrzad (41) setzt sich seit über 20 Jahren für Frauenrechte ein. Die ehemalige Direktorin einer Mädchenhochschule beteiligte sich in diversen zivilgesellschaftlichen Initiativen und ist Mitgründerin der Afghanistans Valorous Women's Spontaneous Movement (AVWSM), einem feministischen Netzwerk und medico-Partnerin, dass Protestaktionen gegen die Taliban und Frauengruppen im Untergrund organisiert.
Ali (34) engagiert sich seit über zehn Jahren für die Rechte von Frauen und eine demokratische Gesellschaft in Afghanistan. Auch er war in zahlreichen Initiativen aktiv und nimmt seit dessen Gründung 2021 eine führende Rolle im AVWSM ein.
Chakawak (19), die Tochter von Shahrzad, schreibt Gedichte, beschäftigt sich mit Philosophie und ist Teil des AVWSM.
In Islamabad musstet ihr über ein Jahr auf das deutsche Visum warten und habt in einem Gästehaus gelebt. In der deutschen Botschaft musstet ihr und eure Familie Sicherheitsinterviews durchlaufen. In letzter Zeit hat sich die Situation für afghanische Geflüchtete weiter verschärft, da die pakistanische Polizei begann, auch Gästehäuser zu durchsuchen, Menschen zu verhaften und abzuschieben. Was habt ihr erlebt und wie war diese Zeit für euch?
Ali: Die pakistanische Polizei behandelt Afghan:innen enorm schlecht. Einer meiner Freunde wurde ohne Grund festgenommen. Sie sagten ihm: „Ihr Afghanen schießt auf uns an der Grenze, aber wollt in unserem Pakistan leben? Wartet bis Ende März, dann werden wir euch alle abschieben, ihr Tiere.“ Für Ende März wurde in Pakistan eine große Abschiebeoffensive angekündigt. Sie setzen alle Afghan:innen mit Terroristen gleich.
Shahrzad: Ich habe 15 Monate in Pakistan gewartet. Als die pakistanische Polizei unser Gästehaus durchsuchte, dachte ich erst, es seien die Taliban, weil sie sich genauso verhielten und uns auf die gleiche Weise einschüchterten. Danach trauten wir uns nicht mehr auf die Straße, wir mussten uns im Zimmer verstecken. Mein Sohn wurde sogar einmal in einem Park von einem Polizisten festgenommen, bedroht und erpresst, ein Lösegeld zu zahlen. Es ist unerträglich. Daher sollte die deutsche Regierung die Aufnahmeverfahren beschleunigen. Manche denken vielleicht, die Zeit in Pakistan sei angenehm, aber in Wahrheit sind die Gästehäuser wie Gefängnisse. Man kann sie nicht verlassen, man leidet psychisch, man hat kein Geld, um Kleidung oder andere Dinge zu kaufen – man bekommt nur Essen und ein Bett. Die GiZ [Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit] zahlt viel Geld für die lange Zeit, die wir in den Gästehäusern bleiben müssen, aber wenn sie den Prozess schneller machen würden, könnten sie dieses Geld nutzen, um mehr Menschen zu retten.
Chakawak: Zugleich war das Verfahren der Botschaft eine große Black Box. Es gab ein langwieriges Prüfverfahren mit unzähligen Schleifen und Befragungen. Doch bis kurz vor dem Bording verwehrte uns die deutsche Botschaft die Aushändigung unserer Pässe. Noch aus der Schlange beim Einsteigen wurden Personen von der Bundespolizei rausgezogen. Wir wissen nicht wieso. Wir hatten große Angst, dass auch wir noch vom Flug ausgeschlossen werden. Die Ungewissheit war kaum auszuhalten. Noch bis zur letzten Sekunde, bevor der Flieger endlich abhob, lagen unsere Nerven blank.
In Afghanistan wurdet ihr von den Taliban verfolgt, musstet euch verstecken und seid dem Tod entkommen. Warum wurdet und werdet ihr von den Taliban in Afghanistan bedroht?
Shahrzad: Ich habe mehr als 20 Jahre lang für Frauen- und Menschenrechte gearbeitet, und die Taliban hatten die Namen von Aktivistinnen wie mir auf eine Feindesliste gesetzt. Nach dem Zusammenbruch der Regierung begannen die Taliban, sie zu verhaften, und drohten, sie zu töten, um sie zum Schweigen zu bringen. Wir erhoben trotzdem unsere Stimmen. Wir begannen, gegen die Taliban und für Frauenrechte zu protestieren. Viele Aktivist:innen aus unserem Netzwerk wurden von den Taliban festgenommen – auch ich. Ich wurde drei Tage lang festgehalten und schwer gefoltert – nur weil ich für meine Rechte und die meiner Tochter sowie aller Frauen kämpfte.
Ali: Als die Taliban die Macht übernahmen, duldeten sie nur ihre eigene Ideologie, alles andere wurde mit Gewalt und Unterdrückung bekämpft. Die Männer wurden gezwungen, die Ideologie der Taliban durchzusetzen und Frauen zu unterdrücken. Wer dagegen kämpfte, so wie ich, wurde ausgeschaltet. Bei dem Versuch aus dem Land zu fliehen, wurde ich verhaftet und mehrere Monate lang inhaftiert. Während dieser Zeit wurde ich furchtbar gefoltert.
Nach der Übernahme durch die Taliban habt ihr euer Engagement trotz enormer Risiken fortgesetzt. Möchtet ihr uns einen Einblick in eure Aktivitäten nach der Machtübernahme geben?
Ali: Nach der Machtübernahme durch die Taliban verloren Frauen all ihre Rechte. Als sich Protestbewegungen bildeten, wurde ich Teil der „Bewegung kämpfender Frauen Afghanistans“ (AVWSM). Wir stellten Kontakt zu Mariam Wahed, einer Aktivistin in Deutschland her, die uns mit medico international verband, sodass wir weiterhin Protestaktionen und Kampagnen organisieren konnten. Wir führten über 52 Proteste durch, darunter Straßen- und Hausproteste.
Shahrzad: Als die Repression durch die Taliban zunahm, mussten wir in den Untergrund gehen. Trotz Lebensgefahr begannen meine Mitstreiterinnen und ich, geheime Nähkurse zu organisieren, um Frauen zu motivieren, ihr Leben fortzusetzen, ihnen Hoffnung zu geben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie Menschen sind und Rechte haben. Wir schufen geheime Orte, an denen sie weiter lernen und arbeiten konnten. Bis heute arbeiten wir im Untergrund mit mehr als 60 Frauen in mehreren Gruppen.
Während eurer Zeit in Pakistan habt ihr die zunehmend feindselige Migrationsdebatte in Deutschland verfolgt. Seit den Anschlägen in Deutschland werden besonders Afghanen als Sicherheitsgefahr dargestellt. In den Koalitionsverhandlungen der neuen Regierung planen beide Parteien, die Rechte von Migrant:innen einzuschränken und das Asylrecht zunehmend auszuhöhlen. Es gibt sogar Bestrebungen, Menschen nach Afghanistan abzuschieben. Was denkt ihr über diese Entwicklung?
Chakawak: Es war schrecklich, das zu hören, denn wenn man einmal aus Afghanistan flieht – sei es als Aktivistin oder einfach als Mensch, der nach einem besseren Leben sucht – wird man von den Taliban als Feind betrachtet und verfolgt. Eine Abschiebung nach Afghanistan bedeutet daher das Ende des Lebens. Man kann nicht zurückkehren, weil die Taliban einen bedrohen oder sogar töten werden. Deshalb halte ich das, was die deutsche Regierung plant, für falsch. Sie trägt Verantwortung für Geflüchtete, insbesondere für diejenigen, die bereits vom BAMF eine Aufnahmezusage erhalten haben und in Pakistan auf ihre Ausreise warten, weil ihnen versprochen wurde, dass sie nach Deutschland kommen dürfen.
Shahrzad: Auch wenn es Einzelne gibt, die Verbrechen begehen, sind afghanische Geflüchtete kein Sicherheitsproblem. Sie selbst sind Opfer von Gewalt und genau deshalb auf der Flucht.
Die CDU/CSU und SPD haben zudem angekündigt, alle Aufnahmeprogramme für gefährdete Afghan:innen stoppen zu wollen. Welche Konsequenzen hätte dies für afghanische Schutzsuchende, insbesondere für die, die in Pakistan auf ihr Visum warten?
Ali: Ich bete, dass die deutsche Regierung diesen Prozess nicht stoppt. Eigentlich sollte sie ihn sogar ausweiten, aber zumindest muss sie ihn für die 2.800 Menschen, die bereits eine Aufnahmezusage erhalten haben und in Pakistan warten, fortsetzen. Die deutsche Regierung muss sie dringend nach Deutschland bringen. Diese Menschen wurden von den Taliban verfolgt, sie mussten ihr Hab und Gut verkaufen, um nach Pakistan zu fliehen, sie besitzen nichts mehr, sie haben alles verloren. Zusätzlich leiden sie unter enormem psychischem Stress und Angst wegen der ungewissen Zukunft. Es gibt nur eine Lösung: Sie müssen nach Deutschland kommen.
Shahrzad: Einige könnten sogar Selbstmord begehen, weil sie jede Hoffnung verloren haben und keine andere Möglichkeit mehr sehen. Die deutsche Regierung muss verstehen, dass hinter jeder Aufnahmezusage ein menschliches Leben steht. Es geht nicht um Zahlen, sondern um Menschen. Wenn das Programm gestoppt werden würde, wäre das eine humanitäre Katastrophe.
Jetzt, wo ihr endlich in Deutschland angekommen seid, was sind eure Pläne?
Ali: Als Vater wünsche ich mir, dass meine Kinder ein besseres Leben haben. Sie sollen vollwertige Menschen werden können. Ich möchte, dass sie Rechte haben. Ich möchte, dass sie ihr Leben frei leben können. In Deutschland haben wir die Möglichkeit, diejenigen zu unterstützen, die ihre Stimme nicht erheben können, wie die Menschen in Afghanistan unter dem Taliban-Regime. Wir können unsere Arbeit weiterhin öffentlich fortsetzen und müssen uns nicht mehr verstecken.
Shahrzad: Ich möchte ein neues Leben für mich und meine Kinder beginnen. Als Opfer des Krieges und als Frau, der ihre Rechte genommen wurden, möchte ich die Stimme der Frauen in Afghanistan sein, aber auch für alle Frauen der Welt. Doch zuerst muss ich mich selbst finden. Ich habe mich im Krieg, in den Ungerechtigkeiten und der traumatischen Gewalt verloren.
Gibt es noch etwas, das ihr hinzufügen möchtet?
Ali: In Namen von uns allen bedanke ich mich von ganzem Herzen bei medico und bei den Unterstützer:innen, die in dieser Zeit an unserer Seite standen. Ohne euch wäre das nicht möglich gewesen.
Interview: Vincent op ‘t Roodt
Übersetzung: Ahmad B.
Das feministische Netzwerk "Afghanistan Valorous Women Spontaneous Movement (AVWSM)" ist erheblichem Druck und Gefahren ausgesetzt. Nach einer ganzen Reihe von Hausdruchsuchungen, Bedrohungen, Verhaftungen und Folter konnten die meisten der Aktivist:innen aus dem Land fliehen. Sieben verbliebene Feminist:innen möchten weiter Widerstand leisten und organisieren sich im Untergrund. Sie brauchen dafür Unterstützung, Beratung, Ideen, Zuspruch und technisches Wissen um sich und ihre Arbeit zu schützen und trotzdem unter diesen repressiven Bedingungen fortzusetzen. medico unterstützt sie darin.